Die Sache mit dem Jöö

Heute haben meine Tochter und ich beim Aufräumen Baby- und Kleinkind-Fotos von ihr entdeckt. Ich schaue die Bilder an und bin so stolz, wie aus dem winzigen Wesen ein grosses Mädchen geworden ist, das einen starken Charakter hat und mich täglich zum Lachen bringt.

Ich betrachte die Bilder und staune, schmunzle und bewundere die schon immer wachen Augen, den Babyspeck, das feine Haar, das kecke Grinsen; ich erinnere mich an die gemeinsamen Augenblicke. Zu meinem Jööö-Anfall poste ich eine Statusmeldung auf Facebook – ohne eines der vielen Fotos ebenfalls zu veröffentlichen. Denn das will ich nicht.

Ja, ich bin stolz auf meine Tochter. Oftmals ertappe ich mich dabei, wie ich sie anschaue und dahinschmelze, weil ich sie wunderschön finde, weil ich in ihr Züge meines Mannes und von mir erkenne. Ich bin stolz darauf, dass wir sie gut erzogen haben, dass sie hilfsbereit, feinfühlig, wortgewandt und humorvoll ist. So stolz, dass ich sie am liebsten der ganzen Welt zeigen möchte. Am Stolz mangelt es nicht.

Viel wichtiger war meinem Mann und mir aber schon immer, die Persönlichkeit unserer Tochter zu respektieren. Und dazu gehört eben auch ihr Recht am eigenen Bild. Ich himmle ihren Babyspeck auf den Fotos an, weil ich noch genau weiss, wie es sich anfühlte, meine kleine Tochter in den Armen zu halten, ihre zarte Haut auf meiner zu spüren, ihr Geborgenheit zu geben und ihre bedingungslose Liebe zu erhalten. Diese Emotionen kennen andere Betrachter dieser Bilder aber nicht. Im Gegenteil – manch‘ ein Teenager könnte sich zu hämischen Bemerkungen verleiten lassen; über die dicken Backen, die Frisur, die Kleidung oder was auch immer. Meine Tochter könnte sich für die privaten Augenblicke schämen. Das will ich nicht.

Kürzlich sagte man mir, dass das Recht am eigenen Bild doch sowieso so eine halbpatzige Sache sei bei Kindern. Denn als Eltern verfügen wir über das Recht am Bild des Kindes. Will eine Schule Fotos auf ihrer Website veröffentlichen, so fragt sie nicht die Kinder, ob sie dies wollen. Nein, es sind die Eltern, die mit ihrer Unterschrift das Einverständnis erteilen. Deswegen ist es ja auch die Aufgabe der Eltern, das Recht im Sinne des Kindes zu berücksichtigen – ganz egal, wie die eigenen Bedürfnisse aussehen.

Heute, nach jahrelangem Verzicht, Fotos meiner Tochter zu posten, weiss ich: Es lohnt sich. Denn die 13-Jährige ist froh, dass es im Netz keine Kinderfotos von ihr gibt.

Thinh-Lay Bosshart

Inhaberin & Beraterin bei BossharTong
Offline oder Online? Beides, lautet meine Devise. Konsumiere Medien, wann immer es geht, weiss aber auch noch, wie man Karten liest oder Wörter nachschlägt. Mein Alter ist zur Zeit die Kehrzahl des Alters meiner Tochter - befinde mich also in einer anspruchsvollen, herausfordernden, aber auch bereichernden Phase.

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Über Thinh-Lay Bosshart

Offline oder Online? Beides, lautet meine Devise. Konsumiere Medien, wann immer es geht, weiss aber auch noch, wie man Karten liest oder Wörter nachschlägt. Mein Alter ist zur Zeit die Kehrzahl des Alters meiner Tochter - befinde mich also in einer anspruchsvollen, herausfordernden, aber auch bereichernden Phase.

2 Gedanken zu „Die Sache mit dem Jöö

    1. Merci für deine Rückmeldung und auch für’s Teilen. Die Kommentare zu deinem Facebook-Post lassen mich grad noch ein wenig sprachlos zurück – sobald ich die Worte gefunden habe, werde ich mich dort direkt zu Wort melden.

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